Spectaculum 66: Fünf moderne Theaterstücke


 
"Solange eine Gesellschaft noch Zukunft hat, ist es ein Irrtum zu glauben, die Vergangenheit sei tot"
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(REAL NAME)    Rezension bezieht sich auf: Spectaculum 66: Fünf moderne Theaterstücke (Gebundene Ausgabe) Tankred Dorsts Bühnenwerk ,Harrys Kopf' baut auf authentischen Gesprächen auf, die mit dem Dichter Heinrich ,Harry' Heine in seinem Pariser Exil wirklich geführt wurden. Im Prolog schildern Besucher ihre Eindrücke, die der kranke, ans Bett gefesselte Dichter auf seine Gäste hinterließ. Aus diesen Gesprächsfetzen greift Dorst Bruchstücke heraus, gruppiert sie neu und arrangiert sie zu dramatischen Dialogen. Die Gedanken spielen sich in Harrys Kopf ab: seine Sorge, um die Ehefrau Mathilde und das liebe Geld, seine zwiespältige Haltung zur Religion, seine Eitelkeit und sein Selbstbewusstsein, seine revolutionären Ideen, seine Verachtung des kranken Körpers. Wie im Fieberwahn rast der Dichter durch sein schillerndes Leben: den Tod vor Augen, am Leben hängend und nach Ruhme dürstend.

Arthur Millers Theaterklassiker ,Tod eines Handlungsreisenden' hält der Gesellschaft - insbesondere seinen amerikanischen Landsleuten - schonungslos den Spiegel vor Augen. Der Hauptdarsteller, Willy Loman, ein alternder Handlungsreisender, ist dem Druck im Beruf nicht mehr gewachsen. Sich selbst und seiner Familie jedoch gesteht er sein Scheitern nicht ein. Selbstzweifel nagen an ihm. Er fühlt sich schuldig an seinem Misserfolg. Je härter die Schicksalsschläge ihn treffen, desto mehr flüchtet er in das Reich der Erinnerungen und Fantasien. Verzweifelt bittet er bei seinem Chef um mehr Geld und einen leichteren Job, doch er stößt nur auf taube Ohren. Zu spät reift in Willy die Erkenntnis, dass er wie eine Zitrone ausgepresst und dann als leere Schale weggeworfen wurde. Für ihn bleibt nur ein Ausweg, denn er ist "tot mehr wert als lebendig".

Vom Schicksal der russischen Dichterin Marina Zwetajewa handelt Veronique Olmis Drama ,Passagiere'. Auf Basis von authentischen Dokumenten rekonstruiert Olmi vier Stationen einer Frau, welche durch in beiden Weltkriege und durch die Russische Revolution ihren Mann, zwei Kinder und eine Schwester verloren hat. Marina Zwetajewa wird zu einer Wanderin zwischen den Welten, einer Passagierin, die dazu verdammt ist, ruhe- und rastlos zu fliehen. Sie ähnelt dem Handlungsreisenden aus Arthur Millers Theaterstück, der auch sein Leben durch die Welt eilt auf der Suche nach dem Glück und auch sie endet verzweifelt und ohne Hoffnung in einer "Sackgasse", aus der es kein Entkommen gibt.

Von der Stellung der Frau in der modernen, arbeitsteiligen Gesellschaft erzählt Gerlinde Reinshagens Bühnenwerk ,Die grüne Tür oder Medea bleibt'. Jana, eine selbstbewusste, ehrgeizige und beruflich erfolgreiche Frau steht mit beiden Beinen im Leben. Ihr Mann Wolf hat seine Arbeit verloren und versinkt im Alkohol. Als Jana ein Verhältnis mit dem Studenten Berthold eingeht, beginnt eine Zerreißprobe. Beide Partner versäumen es, sich auszusprechen, stattdessen bekriegen sich beide. Ihnen fehlt aber andererseits auch der Mut sich zu trennen, weil sich beide vor dem Verlassen-Werden und der Einsamkeit fürchten. "Man arrangiert sich. Das ist so in zivilisierten Ländern". Janas Versuch, Mann und Kinder zu töten (antikes Vorbild Medea) scheitert, ihre geplante Flucht bricht sie ab. Der Zug fährt ab - Medea bleibt.

Was passiert, wenn sich eine erfundene Vergangenheit "verselbständigt und auf den Erfinder zurückschlägt"? Dann wird die Gegenwart zur Fiktion! In Lukas Suters Bühnenstück ,Kormoran' verwischen die Grenzen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, zwischen Sein und Schein, zwischen Fiktion und Wirklichkeit: "Jedes Ding hat seine Zeit ... es muss nicht wahr sein für immer und ewig". Zwei Handlungsstränge aus unterschiedlichen Zeiten laufen nebeneinander her, berühren sich und greifen ineinander. Der Drehbuchautor Don logiert in einem Genfer Seehotel. Eben jenes Hotel war 60 Jahre zuvor Schauplatz einer Menage à trois. Don findet einen Roman, der diese Geschichte erzählt. Die Hauptfigur des Romans, Andreij, ein russischer Schriftsteller, wird von seiner Frau mit dem russischen Revolutionär Kaschmarin betrogen und schreibt nun seinerseits einen fiktiven Roman, in dem ein amerikanischer Drehbuchautor mit Namen Don seine Frau betrügt. Im Gegensatz zu Willy Lomans Flucht in das Reich der Erinnerungen sieht Andreij die "Fiktion als Ausweg aus einem unlösbaren Dilemma". Suters Botschaft: "Solange eine Gesellschaft noch Zukunft hat, ist es ein Irrtum zu glauben, die Vergangenheit sei tot."
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 5. Dezember 2010
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